February 7, 2012

Abschied

Sie rannte. Alles was in den letzten Tagen passiert war, wollte sie endlich hinter sich lassen. Alle Leute hatten sie bewundert, weil sie angeblich so stark war. Sie wussten nichts! Gar NICHTS! Sie war nicht stark. In Wirklichkeit war sie verletzt und wusste nichts mehr mit sich anzufangen. Sie wollte weg, weit weg. Die Sträucher schlugen ihr gegen die Beine und hinterließen rote Streifen an ihren braunen Beinen. Der Wind schlug ihr entgegen und ihre dunkelblonden, langen Haare wehten im Rhythmus des Windes. Sie weinte. Es war das erste Mal seit der letzten Woche, in der sie die Person verloren hatte, die ihr doch so wichtig war. Was würde wohl ihre Familie sagen, wenn sie sahen, dass sie weg war? Würden sie sie suchen? Es war ihr egal. Sie bog in einen kleinen Pfad tiefer in den Dschungel ein und rannte weiter, immer weiter. Ihr bester Freund war gestorben. Sie wollte ihm sagen, dass sie ihn so sehr liebte und jetzt konnte sie es nicht mehr, nie mehr. Die Tränen glitzerten auf ihren Wangen. Sie liebte ihn. Sie hatte ihn immer geliebt und sie würde ihn immer lieben. Die Sonne brannte von oben herab. Schweiß tropfte von ihrer Stirn und der heiße Dunst der Mittagshitze wehte wie ein undurchdringlicher Schleier um ihre magere Gestalt.
Sie rannte. Die Palmen und Sträucher wehten wie ein grünes Band an ihr vorbei. Sie schrie. Sie schrie den ganzen Schmerz, den sie fühlte in den Tag und hoffte, nie wieder so etwas fühlen zu müssen. Ein Stück ihres Herzen fehlte und sie konnte nie wieder glücklich werden. Sie wollte nie wieder glücklich werden, nicht ohne ihn, nicht ohne sein Lachen, nicht ohne seine Berührungen, nicht ohne seine Anwesenheit. Eine Wurzel brachte sie zu Fall und sie landete auf der harten Erde. Der Staub des trockenen Bodens wirbelte hoch. Schnell stand sie wieder auf und ohne sich den Staub von ihrem Kleid zu klopfen, rannte sie weiter. Sie schrie und die Tränen liefen wie ein unendlicher Fluss der Erinnerungen ihre Wangen hinunter.
Sie rannte. Ihr Volk wollte ihn heute verabschieden und sie war weit entfernt. Sie wollte dem Schmerz entkommen, doch noch immer nagte etwas an ihrem Gewissen. Sollte sie zurück? Nein, sie konnte nicht. Sie wollte nicht wahrhaben, dass es  für immer vorbei war. Ihre Beine fingen vor Anstrengung an zu zittern und sie wusste, dass sie bald langsamer machen musste. Die ganze Welt schien wie ein Albtraum um sie zu schweben. Sie folgte dem Pfad in Richtung der Klippen, an denen sie manchmal stundenlang gesessen hatten und von denen aus man den Punkt gesehen hatte, wo das Wasser den Himmel küsste. Die Vorstellung, dass dort nur Liebe war und dass er nun genau dort war, ließ sie ein Funken Hoffnung verspüren. Sie wünschte sich von ganzem Herzen, dass er nun dort war. Als Kinder hatten sie beschlossen, dass sie eines Tages mit ihrem Kanu zu dieser Stelle paddeln würden und jetzt war nur noch sie da - aber eines Tages würde sie nachkommen.
Sie rannte. Nach kurzer Zeit hatte sie die Klippen erreicht Sie setzte sich auf den Felsvorsprung und starrte aufs hellblaue Meer. Sie keuchte vor Anstrengung. Von hier oben konnte man ihren Stamm sehen. Es war eine kleine Siedlung in der Nähe des Flusses und des Meeres. Viele Hütten standen dort unten. Es war ein hübsches Dorf und in der Mitte wuchs ein riesiger Baum. Sie blickte wieder zu den Hütten und eine fiel ihr sofort ins Auge. Sie war mit Blumen verziert und strahlte eine wunderschöne Traurigkeit aus. Es war die Hütte, die er sich mit seiner Mutter und seinen zwei Brüdern geteilt hatte. Eines der Rituale ihres Stammes war es, dass die Hütte eines Stammesmitglieds, der sie verlassen hatte, geschmückt wurde, um die Götter auf genau diese Familie aufmerksam zu machen und ihnen Trost zu spenden. Sie zog die Beine an und legte den Kopf auf ihre Knie. Ihre langen Haare fielen auf ihre Knie und verbargen ihr verletztes Gesicht. Er hatte sich gewünscht, dass sie eines Tages an diesem Ort hier oben zusammen leben würden. Ihre blauen Augen waren rot unterlaufen und sie zitterte am ganzen Körper. Nichts war für ewig, das wusste sie und er hatte das auch gewusst. Sie legte sich flach auf den Steinboden und beobachtete den blauen Himmel. Die Palmwedel zeichneten Schatten auf den großen Stein. Sie stellte sich vor, wie er die Stelle erreicht hatte, die sie doch eines Tages zusammen hatten besuchen wollen und sie sah ihn lachen und winken. „Frühstart“, flüsterte sie und musste ein Lächeln unterdrücken. Er hatte ihre Liebe gefühlt, da war sie sich sicher und sie winkte Richtung Himmel. Warum hatte sie dann solche Angst? Er war noch immer bei ihr und wie eine Bestätigung wurde ihr plötzlich ganz warm ums Herz. „Du bist immer bei mir, das weiß ich!“, flüsterte sie dem Himmel, Wasser und ihm entgegen. Ein Rascheln hinter ihr aus dem Dschungel ließ sie hochschrecken. Ein Junge trat hinter einer Palme hervor. Er hatte längere, braune Haare und ein markantes Gesicht. Ohne ein Wort setzte er sich neben das Mädchen. Auch er hatte geweint, das sah man deutlich. Der Junge war sein Bruder. „Adeeku? Was machst du hier?“, fragte sie und beobachtete weiterhin wie geistesabwesend das Meer. Ein kühler Windstoß kam vom Meer und wehte wie ein Hauch Hoffnung um die beiden jungen Erwachsenen. „Ich soll dir sagen, dass wir auf dich gewartet haben und dass die Zeremonie gleich anfängt. Also wenn du kommen willst, solltest du es bald tun.“ Mit diesen Worten stand er auf und ging wieder in das grüne Dickicht hinter ihnen. Sie schwieg noch einige Zeit und saß einfach da. Sie beobachtete das Dorf, das umgeben von Wildnis wie in einem Traum existierte. Da der Wind günstig stand, hörte sie wie ihre Freunde und Familie mit der Zeremonie anfingen und ein Lied sagen. Sie stand auf. Sie sollte jetzt bei ihm sein und mit ihm zusammen auch den letzten Weg seines Lebens gehen. Sie fühlte, dass es richtig war und sie lief zurück in den Dschungel. Anfangs ging sie langsam. Irgendwann jedoch rannte sie so schnell sie konnte. Wieder raste alles an ihr, wie ein unendliches, grünes Band, vorbei. Sie wollte bei ihm sein. Es dauerte nicht lange, da sah sie den Rauch aus den Hütten des Stammes direkt vor ihr aufsteigen. Sie waren nicht mehr hier. Ein starker Geruch von Orchideen und exotischen Blüten umwehte das Dorf und die Trauer schien alles zu überlagern. Sie blieb einen Moment stehen und ließ den Geruch auf sich wirken. Dann rannte sie Richtung Meer weiter. Sie rannte den Weg durchs Dorf entlang. Vorbei an ihrer Hütte, vorbei an dem großen Baum, vorbei an den kleinen Feldern. Schließlich folgte sie einem schmalen Pfad. Die Fußabdrücke der Bewohner wiesen ihr den Weg und es dauerte nicht lange bis sie den weichen Sand an ihren Füßen spürte. Ein paar Meter vor ihr lagen die Stammesmitglieder auf dem Boden und beteten. Auf dem Wasser trieb ein Floß. Es war mit Blumen geschmückt und schön verziert und auf diesem Floß lag in weißen Tüchern gewickelt eine große Gestalt. Einen Moment stand sie einfach nur da und beobachtete den Leichnam ihres Freundes. Unter den Tüchern zeichnete sich alles ab. Sie sah seine geschlossenen Augen und seine Lippen, die so wunderschön waren. Blumen lagen über seinem Brustkorb verteilt. Erst jetzt bemerkte sie, dass die anderen sie entdeckt hatten und nickte ihnen freundlich zu. Ihre Augen blieben einen Moment bei seiner Mutter stehen und die starke Frau, die sie kannte, war nicht die Frau, die dort saß. Sie zitterte am ganzen Körper, doch sie schenkte ihr ein gezwungenes Lächeln. Der Stammesführer stand neben dem Floß, in seiner Hand eine brennende Fackel. Er nickte ihr verständnisvoll zu. Sie mochte ihn. Er war ein weiser Mann und er hatte eine unglaublich ehrwürdige Ausstrahlung. Sie schritt zu ihm vor und küsste ihm die Hand. Gerade als sie sich umdrehen wollte um zu den anderen zu gehen, legte er ihr seine Hand auf die Schulter. Verwirrt drehte sie sich um. Der alte Mann drückte ihr die brennende Fackel in die Hand. Tränen blitzten in ihren Augen auf. Sollte sie jetzt etwas sagen? Sie war sich nicht sicher. Sie wusste nur was für einen Schmerz alle fühlten. Sie wandte sich zum Stamm und flüsterte: „Nichts ist für ewig, aber er ist immer bei uns.“ Sie strich sich mit der freien Hand über die Brust und blieb direkt über ihrem Herz stehen „Hier“. Dann ging sie zu seinem Floß ins Wasser. Kleine Wellen umspülten ihre Füße und gaben ihr neue Kraft. Vorsichtig schob sie das Floß tiefer ins Wasser und zog es mit sich. Das Wasser reichte ihr jetzt über die Hüften und sie schritt noch etwas tiefer hinein, bis ihr das Wasser knapp unter der Brust stand. „Nichts ist für ewig.“, flüsterte sie ein letztes Mal. Gerade so laut, dass nur er es hören könne und sie wusste, dass er es hörte. Dann setzte sie das Floß in Brand. Schnell verbreiteten sich die Flammen und umschlangen seinen Körper. Sie stieß das brennende Floß von sich weg, in Richtung des Punktes, an dem das Wasser den Himmel küsst und wo er auf sie warten würde.

Ende

-Von meiner überaus begabten Schwester
 

2 comments:

Tami & Anna said...

Einfach nur eine total berührende Geschichte, hat mir sehr viel spaß gemacht sie durchzulesen. Großen Respekt, sowas muss man im Blut haben :)

rachellena said...

Wirklich riesen Respekt an deine Schwester! Als ich die Geschichte durchgelesen habe, bekam ich Gänsehaut, so gut ist die :)